Angeborene Lidfehlstellung bei „Max“

Fehlstellungen der Augenlider, die im Verlauf des Lebens zu Problemen führen können, sind beim Hund keine Seltenheit. Ein besonderer Fall war die kleine Französische Bulldogge „Max“, die bereits im Altern von 6Wochen in der Augensprechstunde vorgestellt wurde. Normalerweise werden Hundewelpen mit geschlossenen Augen geboren. Die Augen öffnen sich 10-12 Tage nach der Geburt. Während sich die Geschwisterchen von Max bester Gesundheit erfreuten, fiel Max‘ Besitzern unmittelbar nach der Geburt auf, dass sein rechtes Auge irgendwie anders aussah: das Auge war nicht verschlossen, sondern stand einen kleinen Spalt breit offen. In den nächsten Wochen offenbarte sich das ganze Ausmaß der Veränderungen, die nicht nur das rechte, sondern auch das linke Auge betrafen.

Am rechten Auge war das Unterlid doppelt angelegt. Die „überschüssige“ Lidkante war zudem stark behaart und seitlich mit der eigentlichen Lidkante wulstig verschmolzen. In der Mitte des Unterlids hatten sich Verklebungen mit der Bindehaut entwickelt, die bis an die Hornhaut heranzogen. Zur Nase hin gelegen war die Lidkante ebenfalls behaart, wulstig und mit dem dritten Augenlid, der Nickhaut, verwachsen. Das linke Auge zeigte ähnliche Veränderungen, wenn auch deutlich weniger stark ausgeprägt.

 

Durch die doppelte Lidkante war es „Max“ nicht möglich, sein rechtes Auge vollständig zu verschließen, nicht mal während des Schlafs. Auf beiden Augen rieben außerdem permanent die Haare auf der Hornhaut. Dies führte sehr schnell zu oberflächlichen Verletzungen auf der Hornhaut. Auf dem rechten Auge bildetet sich sogar ein Hornhautgeschwür, welches eine starke Schädigung der Hornhaut verursachte.

Da „Max“ bei seinem ersten Besuch nur 1,5 kg wog und erst 6 Wochen alt war, galt es nun, das Risiko einer chirurgischen Korrektur der Veränderungen gegenüber der medizinischen Notwendigkeit des Eingriffs abzuwägen: denn dafür ist eine Vollnarkose notwendig. Wir entschieden uns, „Max“ noch ein bisschen Zeit zum Wachsen zu geben. Gleichzeitig bedeutete dies auch eine sehr intensive Therapie durch die Besitzer. „Max“ musste bis zu unserem geplanten Eingriff mehrfach täglich antibiotische Augensalbe erhalten, um die Infektion in der Hornhaut zu kontrollieren. Zusätzlich war eine täglich mehrfach die Gabe von befeuchtenden Gels notwendig, um die Reibung der fehlgerichteten Haare und Hautstreifen auf der Hornhaut zu minimieren.

Mit 12 Wochen und einem Gewicht von gut 3,6 kg wurde uns Max schließlich zur chirurgischen Korrektur der Lidanomalien vorgestellt.

Der kleine Patient wurde anästhesiert. Auch bei unseren kleinsten Patienten wird mit Intubation und Inhalationsnarkose gearbeitet. Da Eingriffe am und um das Auge herum sehr schmerzhaft sind, erhielt Max zusätzlich eine lokale Betäubung. Warm eingepackt in Kirschkernkissen und versorgt mit Glucosehaltiger Infusion konnte die Operation beginnen.

In der OP wurden zunächst am rechten Auge die Verklebungen der überschüssigen Lidkante mit der Bindehaut und der Nickhaut gelöst. Die Verwachsungen im Bereich neben der Hornhaut wurden vorsichtig abpräpariert.

 

Um eine funktionelle sowie glatte Lidkante zu schaffen, ohne störende Haare und wulstige Haut, mussten zwei keilförmige Anteile aus der Lidkante entfernt werden. Mittels einer speziellen Nahttechnik wurden die Lidränder wieder passgenau zusammengeführt.

 

Der Eingriff am linken Auge verlief weniger kompliziert: das Entfernen der unerwünschten behaarten Anteile der Lidkante führte schon zum gewünschten Ergebnis.

 

„Max“ hat den Eingriff und die Narkose sehr gut überstanden. Für den Erfolg der OP steht nun noch eine gute Nachsorge auf dem Programm. Beide Augen müssen weiterhin mit einer Augensalbe behandelt werden und die Nahtbereiche täglich gereinigt werden. Damit er sich nicht kratzt und die feinen Wundfäden zerstört, muss „Max“ für 12 Tage einen Halskragen tragen. Die gute Nachricht ist, dass die Fäden nicht gezogen werden müssen.

Die Sehfähigkeit bleibt „Max“ erhalten – zumindest auf dem linken Auge. Das rechte Auge war bereits zu Beginn so sehr geschädigt, dass es sich bei der Operation hauptsächlich um einen kosmetischen und augenerhaltenden Eingriff handelte. Die Veränderungen hätten früher oder später die Hornhaut vollständig zerstört. Außerdem hätte er ohne chirurgische Korrektur lebenslang Schmerzen durch die Irritation der Haare und den inkompletten Lidschluss aushalten müssen.

Eine Woche nach der Operation wurde „Max“ zur ersten Wundkontrolle vorgestellt. Insbesondere bei schwerwiegenden Veränderungen an den Augenlidern zeigt sich das Endergebnis der Korrektur erst nach einigen Wochen. Dies liegt daran, dass die Bindehäute bei einem solchen Eingriff stark anschwellen und sich im Heilungsverlauf die Narben an den Lidern noch zusammenziehen werden.  Das rechte Auge von Max zeigt derzeit noch eine etwas zu große Lidspalte – wenn die Wundheilung vollständig abgeschlossen ist, kann dieser kleine Schönheitsfehler in einem zweiten, deutlich weniger aufwendigen Eingriff, noch behoben werden.

 

Beim Hund treten Veränderungen der Lider zum einen in Form eines so genannten Entropiums auf. Dabei liegen die Lidränder dem Augapfel nicht glatt an, sondern rollen sich nach innen ein. Es ist häufiger das Unterlid betroffen als das Oberlid. Die Folge sind übermäßiger Tränenfluss, Kneifen des Auges und wiederkehrende Bindehautentzündungen. Je nach Ausprägung können sogar Erosionen und chronische Veränderungen auf der Hornhaut entstehen. Die Patienten haben ein permanentes Fremdkörpergefühl im Auge. Dieser Zustand ist sehr schmerzhaft. Eine Korrektur sollte in jedem Fall erfolgen, wobei es unterschiedliche Möglichkeiten in Abhängigkeit von Lokalisation und Alter des Patienten gibt. Bei einigen Hunderassen ist das Entropium sogar erblich. Weniger dramatisch ist es, wenn ein Ektropium vorliegt, bei dem sich das Unterlid nach außen rollt. Erst in hochgradigen Fällen führt dies zu Symptomen wie Tränenfluss, trockenen Augen und Bindehautentzündung. Auch hier können wir chirurgisch eingreifen.

Haben Sie Fragen? Leidet Ihr Liebling selbst an einer Augenerkrankung? Setzen Sie sich gerne mit uns in Verbindung und vereinbaren einen Termin in der ophthalmologischen Sprechstunde. Bei akuten Problemen am Auge zählt oft jede Minute – zögern Sie nicht, uns bei einem Augennotfall sofort zu kontaktieren!

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